Am Ende der Baugrube

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  1. Jürgen V.

    Jürgen V.

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    Alle Menschen sind klug: die einen vorher, die and
    STOIBER WARNT:
    Der Text ist möglicherweise nichts für Minderjährige und CSU Mitglieder. Personen mit Todessehnsucht und Mitglieder von Schützenvereinen sollten JETZT umkehren. Was Sie hier lesen ist Satire, und nicht zur Nachahmung empfohlen.

    Irgendwann läuft das Faß über. Der eine schluckt den Ärger herunter, so wie er sein Leben lang schon alles geschluckt hat, aber einer von tausend läßt sich nicht mehr ficken. Die ist die Story von einem, der genug hat!

    25 Jahre!

    Seit fünfundzwanzig Jahren umklammerten seine schwieligen Hände die Stiele der Schaufeln, Spaten und Hacken. Ein Viertel Jahrhundert ergibt einen endlos langen Graben, gefüllt mit kilometerlangen Kabeln, Rohren und Leitungen. Würde man den Boden, den er bewegt hatte, von fliesendem Sand bis hin zum diamanthartem Fels, aufgetürmten, so wäre der Berg höher als der Mount Everest.

    Die Beleidigungen die er ertragen musste, reichten für Depressionen aller Insassen einer geschlossenen Abteilung. Fünfundzwanzig Jahre, in denen er sich mit Kollegen, Chefs, dummen Bauführern, arroganten und inkompetenten Angestellten der Tiefbauämtern und der schlimmsten aller Spezies, den Anwohnern, rumärgern musste. Niemand hat je seine Leistung anerkannt. Selbstverständlich, der Einsatz mitten in der Nacht, wenn irgendwo eine Wasserleitung geplatzt, ein Stromkabel defekt war. Keinen interessierte es, wenn sein Rücken schmerzte oder der Regen in seinen Hosenbeinen lief. Die eiskalten Zehen, umschlossen von gefrorenen Stahlkappen, die Finger klamm, die Knochen so müde. :yikes

    endlose Gräben

    "Stell dich nicht so an" und "Mach hinne"

    Für die Chefs, wenn sie mal für fünf Minuten ihre vollklimatisierten, mit Arschwärmern ausgestatteten Luxuskarossen verließen, war es nie zu warm, zu naß oder zu kalt. In den Ausschreibungen gibt es halt keine Position "Zuschlag für die Arbeiter während einer Regenperiode" - "Hitzezuschlag" - "Frostaufpreis".

    Seit fünfundzwanzig Jahren hatte er zu funktionieren. Schmerzen, Müdigkeit oder über einen Kater zu jammern, stand ihm nicht zu. "Nasse Füße sind gut......Es löst die verdammte Hornhaut ab" Es gibt Leute, die können nicht mal einen Furz ertragen; er hingegen stand schon zwischen aufgequollenen Tampons, Lokuspapier und Essensresten bis zu den Knöcheln in der Scheiße. In der richtigen Scheiße! Herausgedrückt aus unzähligen Arschlöchern... aus kleinen, großen, fetten, dünnen, pickligen und gefickten Arschlöchern.

    ein weiterer Wurstschlucker

    Kein Waschbecken, keine Seife, die er nutzen konnte, bevor er seine Brote auspackte. Er hatte das alles hinzunehmen, und er das hatte er auch bis zu diesem Tag getan. :respekt

    Gewohnheit schützt die Seele.

    Man gewöhnt sich an den Schmutz unter den Fingernägeln, an die rauhen Hände und an die Rückenschmerzen. Das Wetter zog Furchen durch sein Gesicht. Was erst nur eine kleine Falte war, war zur Angriffsfläche von Sonne, Regen und Wind geworden.

    Wenn es etwas gab, was ihm in den vergangenen Jahren gefallen hatte, dann war es die Abwechslung in dem Job. Immer neue Städte, Dörfer und Strassen. Ständig neue Gesichter, ständig neuer Ärger. Was gleich blieb war der Job.

    Pflaster aufnehmen, Teer schneiden, ausbaggern, auslegen, zumachen verdichten, pflastern, teeren. Die Knie waren mittlerweile etwas wunder, und das aufrichten wurde immer etwas schmerzhafter, aber was blieb ihm anderes übrig, als es hinzunehmen? Was nützt das Jammern über den 180 Grad heißen Teer, den er und seine Kollegen in der Gluthitze des Hochsommers verarbeiten mussten? Es war sein verdammter Job, und dafür wurde er bezahlt. :D

    Aber dieser Tag wurde zum Tag der Veränderung.

    Es war nichts außergewöhnliches passiert, was ihn zu dieser Entscheidung trieb. Es war einfach nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

    Eine ganz normale Bausstelle. Ein Kanal-Anschluss. Nichts besonderes. 150 Ø KG-Rohre, Bögen, Doppelmuffen, Übergangsstücke, Kontrollschächte. Der Ort war nur etwas elitärer. Ein Bonzenviertel. Herrenhäuser mit parkähnlichen Grundstücken, elektrischen Toren, Überwachungskameras und Dienstboten. :motz

    Auch die Bourgeoisie muß in DIN-genormte Kanäle kacken. Er stand in dem verdammten Graben und begutachtete diese Prachtbauten, die ihm jetzt so nahe waren, und dennoch unerreichbar. Immer wieder stürzte ein Teil des Grabens ein, und immer wieder schaufelte er fluchend den Boden heraus. :motz

    Und auf einmal war da dieser nervende, bohrende Gedanke. War es der Anblick dieser Paläste, die ihn an diesem Tag zum Wurm werden ließen, oder war es jetzt einfach DER TAG? Wieder gab die ungesicherte Grabenwand nach, und wieder lag ein Berg Erde vor seinen Füssen, aber er ließ die Schaufel ruhen, und sprach statt dessen zu dem kleinen Hügel. :wow

    "Seit 25 Jahren schaufel ich dich und deinesgleichen durch die Gegend. Für dich, der du seit Jahrtausenden dort rumliegst, bedeuteten 25 Jahre nicht viel. Aber für mich ist es eine halbe Ewigkeit! Willst du wissen, was mich dabei am meisten ankotzt? Es ist die Gewissheit, dies wahrscheinlich noch mal 25 Jahre tun zu müssen!" :irre

    "Utendum est Artate", antwortete ihm der Hügel, "Cito pede Labitur Aetas!"

    "Oh, ein kluger Haufen Erde! Kommst hier in meinen Graben gerutscht und gibst schlaue Kommentare ab. Ohne mich hättest du dich in den nächsten tausend Jahren kaum einen Zentimeter bewegt, aber willst mir sagen, was ich zu tun habe". :confused:

    "Quidquid Abis Prutender Agas et Respice Finem!", warnte der Boden.

    "Jetzt hör mir mal gut zu, du kleiner Haufen Dreck. Leck dich mal schön selber am Arsch!"

    Er griff wieder zu seiner Schaufel, und schmiß den Klugscheißer häufchenweise im hohen Bogen zu der anderen Erde. Dann kam tatsächlich einer der anwohnenden Creme de la Creme mit ein paar Flaschen Wasser auf ihn und seine Kollegen zugetrabt. Hatte er sie beobachtet, wie sie im Schweiße ihres Angesichts das Brot aßen und beim Blick auf seine goldenen Löffel so etwas wie Gewissen empfunden? :p

    "Ich stell ihnen hier mal diese Flaschen Wasser hin. Es ist zwar nicht so heiß heute, und es staubt auch nicht so, aber vielleicht hat der eine oder andere von ihnen doch ein wenig Durst" "Oh, vielen Dank!" (.....den geringsten deiner Brüdern hast du gedacht, obwohl es bei diesem Wetter ja gar nicht Not tut. Wie wäre es, wenn du für mich weiterschaufelst und ich in der Zwischenzeit das mache, wovon du seit Jahre träumst? Es deiner Alten auf dem Küchentisch richtig besorgen und mit meinen dreckigen Fingern an der jungfräulichen Pflaume deiner Tochter rumspielen, du mieser beschissener Wi***er!!") :yikes

    Das Fass lief über. Er warf die Schaufel hin, kletterte aus dem Graben und verließ die Bausstelle. Die fragenden Rufe seiner Kollegen hörte er nicht mehr.


    Nie wieder!

    Es war vorbei! Kein Malochen, kein Frieren, keinen Gestank mehr. Er würde sich nie mehr für Leute krumm machen, die es nicht zu würdigen wussten. Sollten ab jetzt andere die Kabel und Rohre verlegen, sich in Aussiedler-Siedlungen von Dutzenden slawischen Köpfen dumm begaffen, von neureichen A****löchern beleidigen lassen. Nun war es vorbei. Der Hügel hatte Recht! Er musste seinem Leben eine andere Richtung geben, und er wusste wie.

    Mit jedem Schritt, der die Distanz zwischen ihm und der Baustelle vergrößerte, ging es ihm besser. Die schweren Bauarbeiterschuhe waren nun keine Last mehr, aus dem schlurfenden Gang wurde eine kleine rhythmische, fast tänzelnde Schrittfolge. Als er die Bushaltestelle erreichte, trauten die mürrischen und ungeduldigen Leute ihren Augen nicht. Vor ihnen tanzte, steppte und sang ein Typ in schmutzigen Arbeitsklamotten. "Es ist vorbei", lachte er sie an, und immer wieder "Es ist vorbei!" Dann umarmte er eine alte Frau, küsste sie auf die Wange, um in nächsten Moment wie ein Hampelmann vor den verblüfften Menschen herum zu hüpfen. Plötzlich blieb er stehen, baute sich vor ihnen auf und sprach mit todernster Stimme:

    "Es ist ganz einfach! So einfach, dass einfach niemand darauf kommt! Man muß es einfach nur tun. Nicht mehr und nicht weniger!! Muß erst die Erde auch in eure Gräben rutschen? Befreit euch von den Ketten der Ratenzahlungen, dem Zwang der Gewinnmaximierung, der Ödnis der Gewohnheit. Laßt nicht länger zu, dass eure Chefs euch täglich auf den Kopf sch-ßen!"

    Der Bus brachte ihn in die Lessing-Strasse; von dort waren es nur wenige Minuten bis zu seiner Wohnung. Er bedankte sich freundlich bei dem Busfahrer, und riet ihm "ruhig mal ins Mikrofon zu furzen, wenn ihm danach sei".

    Seine Frau erschrak, als er plötzlich in der Wohnung stand. "Was ist denn los?......bist du krank?.......haben sie dich entlassen?.....nun red schon?" Nur während der Schlechtwetterzeit konnte es vorkommen, dass er früher nach Hause kam, aber es war Sommer und kein Wölkchen trübte den blauen Himmel. Instinktiv spürte sie, dass etwas vorgefallen war. "Mach dir keine Sorgen, mein Schatz. Es ist wirklich alles in Ordnung! Laß mir bitte Wasser in die Wanne." Er badete, zog sich seinen Sonntagsdress an, trank eine Tasse aufgewärmten Kaffee, und quittierte ihre drängenden Fragen und lauter werdenden Proteste mit einem Lächeln. Es war ja verständlich, das sie sich Sorgen machte, denn den Verlust des Jobs hätte die beiden in große Bedrängnis gebracht. Aber er wusste was er nun zu tun hatte. Keine Gräben, Rohre und Scheiße mehr, und dafür bedurfte es nur eines kleinen Schrittes. "Du hasst doch die Müllersche von nebenan so sehr. Warum gehst du nicht jetzt gleich zu ihr rüber und steckst sie an? Nimm den kleinen blauen Kanister, der neben dem Rasenmäher steht.....Ist noch genug drin".....waren seine Abschiedsworte.

    Sein Weg führte ihn in die Fußgängerzone zu dem kleinen Lotto-Zeitschriften und Zigarettenladen und tat das, was er hätte schon längst, vielleicht schon vor fünfundzwanzig Jahren hätte tun sollen. Er füllte einen Lottoschein aus.
     
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