Nachtgedanken

Diskutiere Nachtgedanken im Architektur Allgemein Forum im Bereich Architektur; Wohnen im Geiste von anno Schnuff... Die letzte Grundrissdiskussion hat mir meine Vorurteile leider mal wieder voll bestätigt. Wissen die...

  1. #1 susannede, 5. Mai 2006
    susannede

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    Wohnen im Geiste von anno Schnuff...

    Die letzte Grundrissdiskussion hat mir meine Vorurteile leider mal wieder voll bestätigt.

    Wissen die wild Plänchen Zeichnenden eigentlich wie Sie selbst Tag für Tag leben und wie sie später mal wohnen wollen - oder geistern in ihren Köpfen noch Vorstellungen herum, die irgendwoher noch aus dem "Raumprogramm" und der Lebensweise der Eltern oder gar Großeltern stammen???

    Fast schon genetisch vererbt?

    Mein erster Aufreger ist immer das klassiche herrschaftliche "Esszimmer extra", natürlich in Verbindung mit dem verschämt in eine Küchenecke gedrängten Eckbänkchen für's alltägliche (Fr) essen.

    Ziel: Repräsentieren. Hier tafelt man vornehm, wenn mal der gute Besuch da ist, ansonsten darf hier nicht rumgesaut werden. Wie bei Oma. Ein echter 1900er, ein echter Haus-am-Eaton-Place.

    Das tägliche Elend der Essensaufnahme muß an der, stets im Küchendunst stehend, Eckbank stattfinden. Personalspeisung sozusagen.
    Aber was wiegt das gegen die hochherrschaftlichen Freuden des "ab und an Esszimmers"...wenn jetzt noch Personal zum Kochen und Auftragen der Speisen da wäre, ja dann wäre das wirklich was.

    Mein zweiter Aufreger: Verschämt-versteckte Treppen.
    In den meisten Entwürfen lungern Treppen in engen, dunklen Fluren herum. Die "Arbeit" des Treppensteigens wird in ihrer Unerfreulichkeit noch betont, denn die Treppe wird als notwendiges Übel - gern 2x viertelgewendelt, schmal und mit fast holländischer Steigung - dorthin hingequetscht, wo im Entwurf eben die letzte dümmste Ecke übrig blieb.

    Mein dritter Aufreger: der Klassiker - Wohnzimmer mit Sitzecke auf das Fernsehmöbel orientiert. Hier werden die modernen Zeit zelebriert, die die Übertragung von beweglichen Bildern ermöglichen. Man kann im Kreise der noch-TV-losen Nachbarn zeigen, was man hat: ein Fernsehgerät!

    Jeder prüfe mal für sich im stillen Inneren, wer in der Familie wo wann eigentlich fernsieht. Warum frage ich jetzt gar nicht.

    Ich will ja nicht die reale Existenz von Paaren leugnen, die sich abends aufm Sofa, aneinander gekuschelt, gemeinsam superspannende Fußballspiele oder Günther Jauch ansehen.

    Ich will ja nicht behaupten, Vatern liegt auf'm Sofa und entspannt, während Muttern noch in der Küche oder sonstwo wurschtelt und dass Sohnemanns und Tochterfraus sowieso was anderes gucken würden, wenn sie so dürften, wie sie wollen.

    Ich frage mich, ob jedes hausfraulich wirkende Wesen, nicht schlicht froh wäre:

    A) eine große zweizeilige Küche zu haben, die erstens einen direkten Zugang vom Eingangflur hat, zweitens eine Schiebetür zum Esszimmer (das groß genug ist, auch mal den 10köpfigen Geburtstag auszuhalten), drittens einen hellen Arbeitsbereich vor dem Fenster und viertens vielleicht sogar noch mit einer breiten, kommunikativen Durchreiche zum Esszimmer ausgestattet ist (...mit Jalousie, falls es zu sehr kochdunstet oder die Küche nach dem Zubereiten des Festmahl doch eher wie ein Schlachtfeld aussieht).

    B) eine schöne, breite, ungewendelte, zweiläufige, flachsteigende Treppe, das Zwischenpodest schon nach 3-5 Stufen, damit man nämlich von diesem in den geweiteten Treppenraum schauen kann. Wobei der Treppenraum sogar das Esszimmer sein kann, wenn die Treppe nun mal - wie im gehabten Fred - "hinten" liegt.

    Hier erscheinen die Kinder morgens lustvoller zum Frühstück und Madame hat ihren großen Auftritt, nachdem Sie die Kochen-Rolle hinter sich hat, frisch onduliert vor der Schar (ihrer harrenden) Gäste.

    Da gucken alle diese doofen Ami-Soaps und keiner lernt was daraus...tztztz.

    C) Wenn die sinnlosen Quadratmeter-Orgien des Fersehgerät-Andachtsraumes gerechter an zeitgemäße Räume abgegeben würden.

    Diese wären - und das wurde im Fred auch erwähnt,

    - in Lego-Alter ausreichend freier Fußboden für Bauen und Spielen an regnerischen Herbsttagen.

    - später daraus: ein Kinderbüro für den PC, Schulkram und schlimmstenfalls die Playstation, wenn die Legos nicht mehr so aktuell sind - was nutzen diese 12 m2-"jeder seins"-Zimmer mit Bett, Schrank und Schreibtisch und 80 cm Gehweg dazwischen???
    Ein Kinder-Schlafzimmer mit Kleideraufbewahrung und der Möglichkeit, dass ein Gastkind auf einer ausziehbaren Matratze mitübernachten kann, kann hingegen richtig klein sein.

    - Vaters Homekino Separé...aber bitte nicht auf 25-30 m2...maximal 16 tun es auch.

    - der Hausarbeitsraum, der kein zweihüftiger Kriechschlauch mehr ist.

    Dies, gedankenvoll, den Plänchen-Zeichnenden als "Bauherrn...denkmal".

    Grüße,

    Susanne
     
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  3. Marion

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    Liebe Susanne,

    Wie groß sind Deine Sorgen um den Bauherrn, dass Du gar nicht schlafen kannst? Hast Du denn wirklich die Hoffnung, dass Du diese Bauherren erreichst?

    Ich weiß nicht, ist das Thema wirklich so schwer greifbar und so komplex? Oder sind es doch die Bauherren, die sich nicht bewegen können, nicht lernen können, die nicht wissen, dass man Bauherr und Investor nicht nur per Definition wird sondern weil man diese Rolle voll und ganz (in allen Aspekten, mit all ihren Aufgaben, mit all ihrer Verantwortung, mit ihren Rechten und Pflichten) annimmt. Ich sehe bei vielen Bauherren, dass sie davon noch weit entfernt sind. Sie überspringen einige Schritte und beginnen kaum vorbereitet schon dort, wo es konkret um das eigene Projekt geht und auch da wird die Grundlagenermittlung zu wenig ernst genommen. Gedanklich sind sie sehr bald schon bei der Ausführung, dabei ist die Planung das A und O. Betrachtet man die Zeitschiene dann werden Häuser länger geplant als ausgeführt und die Vorbereitungszeit vor Planungsbeginn, in der man zum Bauherren reift ist wesentlich. Ist es Unvermögen oder Unwille oder gar Angst, wenn manche Bauherren das gar nicht verstehen? Ich weiß es nicht.

    Ich bin der Meinung, dass eine Grundrissdiskussion nicht viel bringt, wenn man nicht erst mal die Grundlagen angeht. Der von Uwe vorgebrachte Kriterienkatalog ist schon diskussions-, aufklärungs und entwicklungsbedürftig. Einige Kriterien sind entweder unsinnig, unrichtig, unwesentlich, überbewertet oder sie sind nicht absolut gültig sondern machen nur im Kontext Sinn. Einige Kriterien könnten konkurrieren und einige Kriterien zeigen, dass der Bauherr schon in die richtige Richtung denkt, man ihm vielleicht nur noch bewusst machen sollte, dass hinter diesem Kriterium noch wesentlich mehr steckt als er vielleicht weiß. Es gibt Kriterien, die überflüssig sind, weil sie selbstverständlich sind und andere wichtige fehlen. Und dann gibt es noch die allgemeine Diskussion, die für Bauherren so wichtig ist, weil sie ihn für wichtige Grundsatzentscheidungen vorbereitet. Sei es nun die Kellerfrage, offener Grundriss, oder Anzahl der Bäder, Sinn und Unsinn von Duschen im Gäste-WC, Lage des HWR, wieviele Nebenräume und wo, generell Raumanordnungen, Teilbarkeit. Da könnte man sich stundenlang unterhalten und trotzdem, so meine Erfahrung gibt es Dinge, die man mit der Zeit anders sieht und neu bewertet.

    Viele Grüße
    Marion :)
     
  4. RolSim

    RolSim

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    Hallo Susanne,

    das hast du mehr als Klasse beschrieben.

    Auch wenn ich (bzw. unser derzeitiger Neubau) nicht in allen
    Punkten exakt deinem Gedankengut entsprechen sehe ich unser
    Häuschen zumindest in einigen Ansatzpunkten in deinen Zeilen.

    Vielleicht lag es daran (bestimmt sogar) das wir unsere Ideen
    und Wünsche zusammen mit unserem Architekten (sehr jung aber
    viele gute Ideen) gemeinsam diskutiert und erarbeitet haben.

    Sicher haben auch wir festgestellt das wir schon heute einige
    Dinge (Kleinigkeiten) anders machen würden aber im Großen und
    Ganzen ist es nach wie vor unser Traumhaus.

    Möglicherweise hatten wir mit unserem Archi einfach nur Glück
    aber wenn ich sehe welche Häuser in unserer unmittelbaren Umgebung
    von Bauherren in Eigenleistung verwirklicht werden bin ich mehr
    als froh für unsere Entscheidung "pro Architekt".
     
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